Artikel über Jean Vanier

Für unseren letzten Rundbrief im Februar 2020 hatten wir bereits einen Artikel zum Gemeinschaftsleben mit einem längeren Zitat von Jean Vanier vorbereitet. Vanier als Gründer der internationalen Arche-Gemeinschaften war uns in der Basisgemeinde lange ein wichtiger Wegbegleiter.

Im Februar letzten Jahres wurden gegen Jean Vanier Vorwürfe des sexuellen Mißbrauchs erhoben.

Der Theologe Jan Oliva, in der Basisgemeinde aufgewachsen, hat 2011/12 in einer Arche-Gemeinschaft in Schottland sein FSJ gemacht. Er recherchiert zu den Vorfällen in folgendem Beitrag:

 

Sturz vom Sockel
Zu den Enthüllungen über Jean Vanier und den Umgang der Arche damit

Im Februar 2020 erhielt ich einen Newsletter der Arche Deutschland. Was ich las, war ein Schock:Jean Vanier, so das Ergebnis einer Untersuchung, hat zwischen 1970 und 2005 mehrere nicht-behinderte Frauen sexuell und geistlich missbraucht, unter dem Vorwand mystisch-spiritueller Erfahrung. Bereits einige Jahre zuvor war herausgekommen, dass auch sein geistlicher Vater, der katholische Priester Thomas Philippe, der maßgeblich an der Gründung der Arche beteiligt gewesen war, dieselben obskuren Praktiken ausgeübt hatte (wofür er kirchenrechtlich verurteilt worden war). Und dass Jean Vanier stets davon gewusst und seinen Mentor gedeckt hatte, obwohl er diese Mitwisserschaft bis zuletzt bestritt.

2011/12 habe ich nach dem Abitur ein Jahr in der Arche Edinburgh verbracht. Diese Zeit hat mich für mein Leben geprägt. Bis heute fühle ich mich verbunden mit dieser Gemeinschaft, die 1964 von Jean Vanier in einem französischen Dorf gegründet wurde und mittlerweile auf ein Netzwerk von 154 Gemeinschaften in 38 Ländern angewachsen ist.

Der Mythos und die dunklen Flecken
Jean Vanier starb im Mai 2019. Bereits zu Lebzeiten ist dieser Mann ein Mythos gewesen, vor allem in den Arche-Gemeinschaften, aber auch weit darüber hinaus. Wie ein Heiliger wurde er bisweilen verehrt, für manche stand er auf einer Stufe mit Mutter Teresa – als der Inbegriff von Güte, Selbstlosigkeit und Weisheit. In zahlreichen Bücher und Vorträgen hat er seine Botschaft verbreitet: Die Zuwendung zu Menschen mit Behinderungen, den vermeintlich Schwachen und daher gesellschaftlich oftmals Ausgegrenzten, als Ausdruck der Nachfolge Christi. Und nun die Enthüllungen über Vorfälle, die zu ebendieser Botschaft in krassem Gegensatz stehen: Vanier war sich der Verletzlichkeit jener Frauen, die sich ihm im Rahmen einer geistlichen Begleitung anvertrauten, vollauf bewusst und machte sie sich zunutze. Er gebrauchte seine emotionale und spirituelle Überlegenheit, um seine Gegenüber zu verführen und zu manipulieren.Bis zum Februar 2020 war Jean Vanier stets als rühmliches Beispiel eines Menschen gepriesen worden, dessen Worte und Taten übereinstimmen. Als jemand, der auf so manches im Leben (die Gründung einer Familie; eine gut bezahlte Anstellung) zugunsten seiner Vision einer inklusiven Lebensgemeinschaft verzichtet hatte. Die Geschichte dieser Gemeinschaft, der Arche, erscheint nun in einem anderen Licht. Dunkle Flecken sind zutage getreten, mit deren Bewältigung sich die heutigen Mitglieder der Arche konfrontiert sehen. Wie gehen sie damit um?

„Die Brüche unserer Geschichte akzeptieren“
Als die Leiter der Internationalen Arche vor einem Jahr die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchungskommission präsentierten, äußerten sie im gleichen Atemzug ihre tiefe Erschütterung dar- über. Seitdem ziehen sich der Schmerz über das enttäuschte Vertrauen in die bislang so strahlende Gründerfigur und die damit einhergehende Verunsicherung durch viele Stellungnahmen verschiedenster Arche-Angehöriger: Man fühlt sich belogen und verraten.Vor diesem Hintergrund bin ich beeindruckt, wie souverän und angemessen die Verantwortlichen die Situation bei aller persönlichen Betroffenheit bisher bewältigt haben. Die Transparenz, die an den Tag gelegt wird, ist einerseits unerlässlich, andererseits – wie vergleichbare Fälle in anderen Organisationen zeigen – leider nicht selbstverständlich und daher umso löblicher. In einem ausführlichen Interview mit dem französischen Fernsehsender KTO (abrufbar auf Youtube) hat Stephan Posner, einer der beiden Internationalen Leiter, sich den unbequemen Fragen gestellt. Er sagte: „Wir können nun nicht auf die Schnelle eine neue Gründungsgeschichte schreiben, sondern müssen die Brüche unserer Geschichte akzeptieren. Wenn das unbequem ist, müssen wir dieses Unbehagen akzeptieren.“ Gertrud Nicola, die Leiterin der Arche Tecklenburg, äußerte sich ganz ähnlich: „Wir müssen akzeptieren, dass die Motivation unserer Gründer zum Teil auch zwielichtig war.“ Ausdrücklich würdigen die offiziellen Stellungnahmen der Arche den Mut der betroffenen Frauen, die sich mit ihren schmerzhaften Erinnerungen an die Öffentlichkeit wagten. Diese Wertschätzung zeigt, dass man es wirklich ernst meint, wenn es in einem Rundbrief vom Februar 2020 heißt: „Die Arche hat nur Zukunft, wenn sie ihre Vergangenheit mit klarem Bewusstsein betrachtet.“ In ihren Rundbriefen informiert die Arche Deutschland regelmäßig über den aktuellen Stand der Aufarbeitung. Zuletzt wurde darüber berichtet, wie bestehende Konzepte der Missbrauchsprävention überarbeitet und erweitert werden. Zudem wird deutlich, dass in den einzelnen Gemeinschaften Gelegenheiten zum Austausch über die persönliche Bewältigung der Enthüllungen geschaffen werden.

Ein vergiftetes Erbe
Einerseits hinterlässt Jean Vanier den Arche-Gemeinschaften durch das posthume Bekanntwerden seiner sexuellen Übergriffe ein vergiftetes Erbe. Die Untersuchungsergebnisse haben die gesamte Organisation in Verruf gebracht. Das macht mich wütend und traurig. Die rund 5.000 Menschen, die heute weltweit zu einer Arche-Gemeinschaft gehören, haben mit diesen Vorfällen rein gar nichts zu tun. Abgesehen von Jean Vanier und seinem Mentor haben sich keine anderen Menschen solcher Übergriffe schuldig gemacht, so die Untersuchung. Dennoch leben die Menschen der Arche fortan unter einem Schatten. Vieles, woran sie glauben und was sie jeden Tag aufs Neue zu leben versuchen – dass sich die Starken eben nicht über die Schwachen erheben – wurde durch das entwürdigende Verhalten Jean Vaniers pervertiert. Andererseits darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass seine Vision eines Miteinanders von Menschen mit und ohne Behinderungen beeindruckende Früchte trägt. Die Arche-Gemeinschaften sind tatsächlich Orte der Nächstenliebe, das kann ich selbst bezeugen. All das Gute, das durch Jean Vanier in die Welt kam, ist durch seine Fehltritte nicht ungeschehen geworden. Es hat jedoch einen unangenehmen Beigeschmack bekommen. Der in Vaniers Büchern zutage tretende theologisch-spirituelle Unterbau seiner Vision hat stark an Glaubwürdigkeit verloren – zumindest in meinen Augen.

Ein Ausblick: Jetzt erst recht

Der Umgang mit einer charismatischen Gründungspersönlichkeit ist für jede Gemeinschaft eine Herausforderung. Dass Jean Vaniers Leben derart üble Überraschungen bereithält, tut mir für die Arche sehr leid. Möglicherweise kann dieser neue Blick aber dazu beitragen, den überhöhten Gründer von dem Sockel zu heben, auf den viele ihn stellten, gegen den er selbst sich in seiner Bescheidenheit jedoch oft wehrte. Ich wünsche der Arche, dass sie den eingeschlagenen Weg der Aufarbeitung in aller Transparenz weiterverfolgt, bis sämtliche dunkle Flecken ausgeleuchtet sind. Man kann nur hoffen und beten, dass die Gemeinschaft möglichst unbeschadet und womöglich sogar gestärkt aus diesem Prozess hervorgeht. Was ich bislang mitbekommen habe, stimmt mich zuversichtlich. Mögen sich die Menschen der Arche nicht entmutigen lassen von dieser Erschütterung ihrer Ideale. Sondern trotz allem immer wieder neue Kraft schöpfen, um ihre Gemeinschaften als Orte eines herrschaftsfreien und würdevollen Miteinanders zu erhalten. Als Orte, an denen verantwortungsvoll mit der Verletzlichkeit des anderen umgegangen wird. Jetzt erst recht.

Jan Oliva

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